Mikrodosierung von CBD: Wie Cannabis in Zukunft in der Medizin eingesetzt werden kann

Titelbild: Erin Stone auf Pixabay

Die zunehmende Legalität von Cannabis fördert die Anwendung dieser Pflanze und ihrer Inhaltsstoffe zu medizinischen Zwecken, wodurch auch das Interesse bei der breiten Öffentlichkeit geweckt wurde. CBD als nicht psychoaktives Cannabinoid der Cannabispflanze hat sich bereits im privaten Gebrauch etabliert und wird auch in der Medizin immer relevanter. Cannabidiol kann je nach Einsatzbereich die gesundheitsfördernde Funktion von THC, dem psychoaktiven Cannabinoid der Cannabispflanze, nahezu vollständig ersetzen oder die Rauschwirkung von THC mindern. CBD alleine hat den Status als „Orphan drug“ erhalten und kann zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden. So werden beispielsweise seit 2019 zwei seltene Epilepsieformen, welche hohe Morbiditäts- und Mortalitätsraten aufweisen, mit dem Phytocannabinoid behandelt: Das Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) und das Dravet-Syndrom (DS).  Cannabidiol ist aufgrund seiner vielseitigen Eigenschaften ein interessantes Cannabinoid für viele Patient:innnen, weshalb neue Behandlungs- und Darreichungsformen von großem Interesse sind. Dazu zählt beispielsweise die Mikrodosierung von Cannabis und CBD. In erster Linie geht es hierbei um medizinische und therapeutische Vorteile – „High“ wird man davon nämlich nicht. Aus diesem Grund ist das Vorgehen besonders beliebt bei Menschen, die keine Freizeit-Cannabiskonsumenten sind und auch kein Interesse an der psychoaktiven Wirkung von Cannabis haben. Erfahrungsberichten zufolge soll die Behandlung von mikrodosiertem Cannabis bei Depressionen und Angstzuständen geholfen haben. Wiederum andere sehen die Mikrodosierung von Cannabis als natürliche Einschlafhilfe sowie als Mittel um Schmerzen langfristig zu mindern. 

Was versteht man unter Mikrodosierung von Cannabis und CBD?

Mit der Mikrodosierung von Cannabis ist gemeint, regelmäßig Cannabis beziehungsweise CBD in ganz kleinen Mengen zu sich zu nehmen, sodass der Körper jeden Tag aufs Neue mit einer kleinen Dosis gefüttert wird ohne direkt einen großen Effekt zu erzeugen. Der Gründer von Patient 360, Dr. Douglas Jorgensen, definiert Mikrodosierung wie folgt: “Mikrodosierung ist im Allgemeinen ein Mittel, um die Rezeptoren zu manipulieren und eine gewünschte physiologische Reaktion mit weniger Wirkstoff zu erreichen.” Im Prinzip geht es darum, aus weniger mehr zu machen. 

Bei der Mikrodosierung im klassischen Sinne hält man sich an das medizinische Standardverfahren und beginnt mit geringen Dosen und führt die Einnahme langsam fort. Bei der Mikrodosierung mit Cannabis ist das ähnlich, wie Dr. Douglas Jorgensen erklärt: „Mikrodosierung [kann] funktionieren und die ’start low and go slow‘-Methode ist ein langjähriges Mantra in der Medizin für alles, von der Blutdruckmedizin bis zur Schmerzmedizin. Bei der Cannabis-Behandlung ist es wirklich nicht anders.“

Vom Wellness-Trend in die Schulmedizin

Das Thema und der Begriff der Mikrodosierung sind nicht neu. Normalerweise wird die Mikrodosierung nämlich mit Psychedelika wie LSD und Magic Mushrooms in Verbindung gebracht. Grund dafür ist der Schweizer Chemiker Dr. Albert Hofmann. Er hat als erster LSD synthetisiert und gilt als Vater der Mikrodosierung. Über viele Jahre, mindestens aber die letzten 20 seines Lebens, nahm der Arzt regelmäßig winzige Dosen LSD zu sich. Er starb in einem Alter von 102 Jahren. Auch der Harvard-Psychologe und Botschafter der Psychedelika, Timothy Leary, empfahl den Gebrauch von Psychedelika zur Verbesserung der Menschheit und lancierte 1967 im Golden Gate Park sein Motto „Turn on, tune in, drop out“. Er gehörte zu den ersten prominenten Menschen, die davon überzeugt waren, dass Psychedelika ein Potenzial für den therapeutischen Gebrauch hatten. 

Inzwischen ist die Mikrodosierung von Psilocybin-Pilzen auf dem Weg eine anerkannte medizinische Behandlung gegen Depression zu werden. Man hat in einer Studie im Jahr 2013 herausgefunden, dass durch die Mikrodosierung von Psilocybin das Wachstum neuer Neuronen im Gehirn stimuliert wird. Man nennt diesen Prozess Neurogenese. Dieser steht wiederum im Zusammenhang mit erhöhter Energie, verbesserter Stimmung und gesteigerter kognitiver Leistungsfähigkeit. Im Rahmen einer weiteren Studie kam man zu dem Ergebnis, dass eine Steigerung der Kreativität durch die Mikrodosierung von Psilocybin möglich sei. 

Während die Mikrodosierung in Bezug auf Halluzinogene wie LSD sehr laut diskutiert wurde, läuft die Bewegung rund um das Thema Mikrodosierung von Cannabis und CBD eher ruhig ab. 

Wie CBD mikrodosieren

Die Mikrodosierung von CBD erfolgt ähnlich wie die von LSD, MDMA oder Psilocybin – mit dem großen Unterschied, dass es in Deutschland legal und laut aktuellen Studien absolut unbedenklich ist, CBD zu konsumieren. Im Gegenteil, es gibt zahlreiche Studien, die die unterschiedlichen positiven Wirkungen von CBD auf unseren Körper und Geist herausgefunden haben. Wiederum problematisch ist in Deutschland die Mikrodosierung von Cannabis als Pflanze. Denn das Faszinierende an diesem Gewächs ist die Diversität der enthaltenen chemischen Verbindungen. Bevor das nicht psychoaktive CBD an Popularität gewonnen hat, dachte man bei der Mikrodosierung von Cannabis wohl zuerst an THC-reiches Cannabis. Doch nicht nur THC und CBD sind interessante Cannabinoide der Cannabispflanze. Saatgutsorten mit einem besonders hohen Anteil an CBG könnten sowohl mit normaler Dosierung als auch mikrodosiert eine neue und interessante Möglichkeiten für den Cannabiskonsum schaffen.

Wie genau man nun das CBD mikrodosiert, ist einem selbst überlassen. Es gibt keine universelle strikte Regel für die Mikrodosierung mit CBD, die für jeden gültig ist. Jede Person hat ein einzigartiges Endocannabinoid-System im Körper und reagiert individuell auf die Zugabe von CBD. Eine wirkungsvolle Formel für Jedermann zu definieren, wäre daher nicht zielführend. Vielmehr sollte jeder für sich sein persönliches ideales Maß für die Mikrodosierung mit CBD finden. Zur Orientierung kann man anekdotische Berichte heranziehen. Im Bereich Mikrodosierung hört man zum Beispiel von Konsument:innen, die alle drei Tage eine Mikrodosis der Substanz eingenommen haben. An einem Tag wurde dem Körper demnach der Wirkstoff zugeführt, gefolgt von zwei Ruhetagen zum Ausbalancieren. Dies ist jedoch keine festgeschriebene Regel. Ob man das beste Ergebnis erzielt, wenn man jeden Tag eine kleine Dosis einnimmt oder jeden dritten Tag, sei einem selbst hinterlassen. Die Theorie hinter die Mikrodosierung besagt jedenfalls laut Dr. Douglas Jorgensen, dass „wenn wir sehr kleine Dosen verwenden, weniger Medikament benötigt wird, als der Anbieter oder der Patient dachte, also sollten wir uns langsam an diese Dosis herantasten, anstatt sie zu überschreiten und dann zu versuchen, die Dosis zu reduzieren.“

Die Wahrheit muss also jeder für sich herausfinden und das funktioniert nur durch ein wenig experimentieren. Die für dich richtige Mikrodosierung von CBD ist das Ergebnis eines Selbstversuches. Ob kleinere, gleichbleibende CBD-Dosen letztendlich vorteilhafter sind als größere Dosen, ist noch nicht ausreichend erforscht und kann für einen selbst auch eine Frage sein, die man sich durch Ausprobieren beantworten kann.

Unterschiedliche Konsumarten mit unterschiedlicher Bioverfügbarkeit

Das Maß, wie erfolgreich CBD auf den eigenen Körper wirkt, ist auch abhängig von der Art und Weise, wie man CBD mikrodosiert. Die verschiedenen Möglichkeiten unterscheiden sich nämlich hinsichtlich ihrer Bioverfügbarkeit – also dahingehend, wie schnell wieviel des eingenommenen Wirkstoffes im Körper verfügbar ist. Man differenziert prinzipiell zwischen vier Formen:

  1. Oral: Der für uns üblichste Weg, einen Wirkstoff zu konsumieren, führt wohl über den Magen. Auch CBD kann in Form von Tabletten verfügbar gemacht werden, welche nach Bedarf geschluckt werden. Allerdings kann das Cannabinoid so nicht direkt in den Blutkreislauf aufgenommen werden. Es dauert eine bis zwei Minuten, bis sie sich die Tablette im Magen auflöst und dann absorbiert werden kann. Zudem wird der Wirkstoff aufgrund des „First-Pass-Effektes“ in der Leber nicht zu 100 Prozent verstoffwechselt, wodurch gar nicht mehr so viel ankommt, wie ursprünglich aufgenommen wurde. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass auch die Bioverfügbarkeit bei der Einnahme von CBD durch den Magen relativ gering ist. Bis es bei den Konsument:innen zu einem spürbaren Effekt kommt, können bis zu 60 Minuten vergehen. 
  1. Sublingual: Die sublinguale Methode ist wohl die bekannteste Konsumform, wenn es um CBD geht. Das CBD Öl wird in Form von wenigen Tropfen unter die Zunge gegeben und dort von den Schleimhäuten zum größten Teil direkt absorbiert. Bevor man schluckt, sollte man deswegen 60 bis 90 Sekunden warten. Da der Wirkstoff nicht erst über den Magen Darm Trakt in den Blutkreislauf gelangt, wird der First-Pass-Effekt vermieden und die Bioverfügbarkeit steigt. Auch die verwendeten Trägeröle wie Hanfsamen- und Olivenöl werden oft deswegen mit CBD infundiert, um eine noch höhere Bioverfügbarkeit zu erhalten. Die Wirkung tritt in der Regel innerhalb von 20 Minuten nach Konsum ein.
  1. Topisch: Da einige Studien aufzeigen, dass CBD auch zu einer Verringerung von Entzündungen in der Haut sowie zu einer Verringerung der Ölproduktion beitragen kann, soll eine lokale Anwendung des Cannabinoids beispielsweise der Entstehung von Akne entgegenwirken. Topisch bedeutet somit, dass der Wirkstoff in Form von Öl, Cremes oder Salben direkt auf die betroffene Stelle aufgetragen wird und somit von außen wirkt. Die Bioverfügbarkeit dieser Anwendungsform ist jedoch sehr gering, weshalb diese Form der Anwendung nicht für eine allumfassenden Behandlung zu empfehlen ist, dagegen aber bei lokalen Problemen eine einfache und unmittelbare Lösung darstellt.
  1. Verdampfen/ Vaporizieren: Dampfen wurde in den vergangenen Jahren zum neuen Rauchen. Die Inhalation verschiedenster Stoffe via Verdampfer ist sehr schnell sehr beliebt geworden. Auch das Inhalieren von CBD-Dampf stellt sich als äußerst wertvolle Methode heraus. Der Stoff wird über die Lunge absorbiert und gelangt direkt in das Blutkreislaufsystem. Die Bioverfügbarkeit ist entsprechend hoch, da ein verhältnismäßig sehr hoher Anteil an CBD in unser Blut gelangt. 

Das Verdampfen sowie der sublinguale Konsum sind aufgrund der hohen Bioverfügbarkeit auch die gängigsten Methoden, CBD zu mikrodosieren. In beiden Fällen ist die Anwendung relativ einfach. Die diskretere Variante ist jedoch die sublinguale Technik, da beim Vapen durchaus Dampfwolken sowie Gerüche entstehen können. Jedoch nichts im Vergleich zum Zigarettenrauch. Um CBD Öl zu mikrodosieren, kann man ein Viertel oder die Hälfte der empfohlenen Portionsgröße in dem Zeitraum, der für einen am besten funktioniert, unter die Zunge geben. Hinsichtlich des Geschmacks unterscheiden sich die CBD Öle. Es gibt welche, die einen sehr herben Geschmack aufweisen und welche, die auf Wasserbasis hergestellt wurden und nicht nur relativ neutral im Geschmack sind, sondern auch nochmal eine höhere Bioverfügbarkeit aufweisen. 

Was die Mikrodosierung von CBD für die Medizin bedeutet

Letztendlich liegt es bei einem selbst zu überprüfen, mit welcher Dosis, von welchem CBD Produkt und in welchen Abständen ich meinem Körper etwas Gutes tun kann. Entscheidend ist dabei natürlich auch der Grund für die Zugabe von CBD. Geht es lediglich darum, das eigene Immunsystem zu stärken und den Körper im Gleichgewicht zu halten oder gibt es konkrete Anwendungsfälle für die Zugabe von CBD. Viele CBD Konsument:innen verwenden das Cannabinoid beispielsweise um die unangenehmen und oft lähmenden Gefühle von Angstzuständen zu reduzieren und den allgemeinen Stresspegel zu senken. Forscher:innen haben nämlich herausgefunden, dass CBD eine anxiolytische Wirkung aufweist. Zu diesem Ergebnis kamen sie, indem sowohl experimentelle Labortier- als auch Humanstudien gesammelt und analysiert wurden. Alle Studien haben die mutmaßlichen anti-panischen Eigenschaften von CBD untersucht. In Summe deuten die Ergebnisse der herangezogenen Studien eindeutig auf eine angsthemmende Eigenschaft von CBD hin. Sowohl in Tiermodellen als auch bei gesunden Probanden. Da solche negativen Gefühle und Zustände bei den Betroffenen über mehrere Tage verteilt auftreten können, sind sie durch ein einmalige Behandlung nicht einfach weg. Vielmehr geht es um eine ganzheitliche und langfristige Therapie, bei welcher die Mikrodosierung von CBD eine Rolle spielen kann. Ein einziger Tropfen CBD Öl soll das Potenzial aufweisen, die negativen Gefühle in ihrem Ausmaß zu verringern und den Körper und Geist dabei unterstützen, wieder in Balance zu kommen. Demnach kann eine Mikrodosierung in Bezug auf Angst- und Panikattacken ganz anders aussehen, als im Falle einer Zugabe zur besseren Regeneration der Muskeln bei Ausdauersportler:innen. 

Ob die Mikrodosierung von CBD nun tatsächlich vorteilhafter ist, als die Zugabe von größeren einmaligen Dosen, ist noch lange nicht ausreichend erforscht. Allerdings hat eine Studie, die an Patient:innen mit fortgeschrittenem Krebs durchgeführt wurde, bereits optimistische Ergebnisse aufgezeigt. Um zu vergleichen, mit welcher Cannabis-Dosis die Schmerzen der Betroffenen am besten gelindert werden können, hat man drei verschiedene Stärken getestet. Das Cannabis wurde in Form eines oralen Sprays mit einem 1:1-Verhältnis von THC undCBD verfügbar gemacht. Tatsächlich wurde das beste Ergebnis in Bezug auf die Schmerzlinderung bei den Patient:innen durch eine niedrige bis mittlere Tagesdosis erzielt. Die Gabe des hochdosierten Wirkstoffes hat demnach nicht so gut abgeschnitten. Dieses Ergebnis legt demnach nahe, dass Cannabis an sich besser wirken kann, wenn es in niedrigeren Dosen als bisher angenommen verwendet wird. Inwieweit dieses Ergebnis auf die Wirkung von der Zugabe von Cannabinoiden in einem anderen Verhältnis übertrage werden kann, ist rein spekulativ. Es bedeutet vielmehr, dass weitere Arbeiten durch medizinische Forscher:innen erforderlich sind, um den Mechanismus über die Wirkung von Cannabis und seinen einzelnen Bestandteilen komplett zu verstehen und das Beste für die medizinische Anwendung beim Konsumenten rauszuholen.