Medizinisches Cannabis aus der Apotheke: Import & Herausforderungen

Titelbild: analogicus auf Pixabay

Bereits seit dem 10. März 2017 kann Cannabis legal in Deutschland erworben werden – zumindest gegen Vorlage eines entsprechenden Rezeptes. Gekauft wird in der Apotheke. Die Pflanze legt damit einen Imagewandel hin. Von der verpönten Droge zu anerkannter Medikation, die neben den Kopfschmerztabletten im Apothekerregal platziert wird. Damit stellt sich die Frage: wie läuft das mit dem Handel von medizinischem Cannabis? Wo kommt das Kraut her und vor welchen Herausforderungen stehen die Apotheken?

Wieso ist medizinisches Cannabis erlaubt?

Der Grund für die Einführung des Cannabis-Gesetzes vor über drei Jahren ist auf die nachweislich positive Wirkung von Cannabis bei diversen Krankheiten zurückzuführen. Studien untersuchten unter anderem die Anwendung bei Multiple Sklerose und Epilepsie. Über das gesamte Wirkungspotential und die verschiedenen Einsatzgebiete von Cannabis ist bisher allerding noch vergleichsweise wenig bekannt. Dennoch machen die Ergebnisse erster Studie deutlich, dass es sich bei einem radikalen Verbot von Cannabis um verschenktes Potential handle. Durch das verabschiedete Gesetz wurden Cannabisblüten in die Anlage III BtMG überführt und sind damit offiziell als Betäubungsmittel verkehrs- und verschreibungsfähig. Die Versorgung betroffener Patienten gestaltet sich dadurch einfacher. Ärzten ist es seither gestattet, getrocknete Cannabisblüten und Cannabisextrakte zu verschreiben, ähnlich wie Antibiotika. Einzelne Indikationen werden im verabschiedeten Gesetz jedoch nicht festgeschrieben, das entscheidet der Arzt individuell. Die Kosten für die Behandlung werden von der gesetzliche Krankenversicherung getragen, sofern entsprechende Voraussetzungen erfüllt sind. Der Patient muss dafür in erster Linie an einer schwerwiegenden Krankheit leiden. Für diese Erkrankung steht keine andere allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung zur Verfügung oder diese geht mit nicht tolerierbaren Nachteilen einher. Und zuletzt muss die Chance bestehen, dass sich die Therapie mit Cannabinoiden auf den Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Symptome positiv auswirkt.

Anwendung von medizinischem Cannabis

Die Wirkung von Cannabis ist auf die Inhaltsstoffe der Pflanze zurückzuführen. THC und CBD zählen zu den bekanntesten Cannabinoiden. Sie interagieren mit dem Endocannabinoid-System in unserem Körper und können dadurch bei einer Vielzahl an Krankheiten unterstützen. Laut einem wissenschaftlichen Report im Auftrag der Techniker Krankenkasse stellen folgende Krankheiten und Symptome eine denkbare Indikation für eine Therapie mit medizinischem Cannabis dar:

  • chronische Schmerzen
  • Spastizität bei Multipler Sklerose und Paraplegie
  • Epilepsie
  • Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie
  • Appetitsteigerung bei HIV/AIDS

Darreichungsformen von medizinischem Cannabis

Je nach Indikation einer Cannabismedikation, stehen unterschiedliche Darreichungsformen zur Auswahl. Die Wirkstoffe können prinzipiell über verschiedene Wege dem Körper zugeführt werden. Angefangen bei dem klassischen Joint bis hin zu Extrakten in Tröpfchen Form. Mittels Rezept wird dem Patienten die passende Arznei verordnet. Neben getrockneten Blüten können demnach auch standardisierte Extrakte der Pflanze von einem Arzt verschrieben werden. Dazu zählen Arzneimittel, die beispielsweise die Wirkstoffe Dronabinol (THC) und Nabilon (vollsynthetisches Derivat von THC) beinhalten. Die angebotenen Produkte unterscheiden sich neben der Darreichungsform vor allem hinsichtlich ihrem Gehalt an THC und CBD. Auf dem BtM-Rezept muss vom Arzt deshalb auch vermerkt sein, welche Blütensorte angewendet werden beziehungsweise welche Mengen von THC und CBD in den Produkten enthalten sein soll. Dabei kann es auch vorkommen, dass dem Patienten verschiedene Cannabissorten parallel verordnet werden. Die Aufgabe der ApothekerInnen besteht darin, die Mengen der Cannabisblüten abzuwiegen, zu portionieren und in geeignete Behältnisse abzufüllen sowie die Extrakte in gewünschter Anwendungsform aufzubereiten.

In Deutschland sind zudem zwei Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis zugelassen. Sativex ist zur Symptomverbesserung bei Erwachsenen mit mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund von Multipler Sklerose zugelassen. Canemes wird wiederum bei Übelkeit und Erbrechen in Folge einer Chemotherapie bei Erwachsenen angewandt, die auf andere antiemetische Behandlungen nicht ausreichend ansprechen.

Zu beachtende Regeln bei der Ausgabe von Betäubungsmitteln

Unabhängig von der Darreichungsform, fallen fast alle Arzneimittel, die THC enthalten, unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG). ApothekerInnen müssen demnach einige Regeln bei der Vorlage eines BtM-Rezeptes beachten. Zuerst ist zu prüfen, ob alle formalen Vorgaben für ein BtM-Rezept erfüllt sind. Dazu zählt die vollständige Angabe des Namen und der Anschrift des Patienten sowie des ausstellenden Facharztes. Ebenso muss eine eindeutige Arzneimittelbezeichnung, die verschriebene Menge des Arzneimittels und das Ausstellungsdatum gegeben sein. Das Rezept ist bis zu sieben Tage nach dem Ausstellungsdatum gültig. Der Gehalt an THC und CBD muss ebenfalls genau verordnet sein, damit gleichzeitig überprüft werden kann, ob die Verordnungshöchstmenge innerhalb von 30 Tagen eingehalten wird. Maximal dürfen 100 g Cannabisblüten beziehungsweise 1.000 mg Extrakt innerhalb dieser Zeitspanne verschrieben werden. Zudem muss eine Gebrauchsanweisung schriftlich vorliegen und die Kostenübernahme durch die Krankenkasse zuvor von den Patienten gesichert sein.

Herausforderung für Apotheken

Der legale Erwerb von medizinischem Cannabis ermöglicht Patienten einen leichten Zugang. Für die Verkaufsstellen, die Apotheken, gestaltet sich die Ausgabe einer solchen Medikation allerdings schwierig. Wie die Geschichte des Cannabis zeigt, sinkt mit der Prohibition der Droge nicht automatisch auch die Zahlen des Konsums. Cannabis zählt sowohl in Deutschland als auch weltweit zu den am meisten konsumierten illegalen Drogen. Außerdem birgt Cannabis, wie jede andere Droge auch, ein gewisses Suchtpotential. Um sicherzustellen, dass die Medikation ausschließlich an dazu berichtigte Personen abgegeben wird, stehen die Apotheken stets vor verschiedenen Herausforderungen innerhalb der Prozesse zur Identitätsprüfung. Doch auch in der Beratung, bei der Herstellung der Rezepturen sowie der Taxierung trifft man auf Unsicherheiten und offene Fragen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Medikationen bedeutet die Ausgabe von Cannabis für Apotheken einen deutlich höheren Arbeitsaufwand. Gleichzeitig aber wurde durch Anlage 10 inmitten der Corona-Krise eine Preisänderung von Cannabisblüten beschlossen, die sich negativ auf das Apothekengeschäft auswirkt. Dieser ist ab sofort vereinheitlicht. Apotheken dürfen, unabhängig von der Sorte, nur noch einen Preis von 9,52 Euro pro Gramm berechnen. Das stößt auf Unverständnis, da einzelne Sorten selbst bei guten Konditionen im Einkauf deutlich über diesem Betrag liegen. Dazu kommt die Regelung über Staffelpreise. Je mehr Cannabis der Patient verschrieben bekommt, desto geringer fällt die Mage für Apotheken aus. Da allerdings nur die wenigsten Patienten kleine Mengen Cannabis kaufen, sieht es für die Apotheken schlecht aus. Es kommen Bedenken auf, dass Apotheken aufgrund dessen die Versorgung mit Cannabis vermehrt ablehnen, was wiederum die wohnortnahe Versorgung gefährdet.

Cannabisanabau in Deutschland noch in der Planung

Cannabisblüten werden durch die Apotheken aus dem Ausland bezogen, überwiegend aus Holland (Bedrocan BV) und Kanada (Tweed und Peace Naturals). Seit über 20 Jahren baut Bedrocan standardisiertes medizinisches Cannabis mit einer gleichbleibenden Zusammensetzung an Cannabinoiden und Terpenen an. Bedrocan-Sorten sind bereits seit 2003 für Patienten in niederländischen Apotheken erhältlich. Doch auch Forscher auf der ganzen Welt greifen in ihren Studien nicht selten auf Cannabis von Bedrocan zurück. Das Familienunternehmen hat schnell eine Monopolstellung für die Belieferung holländischer Apotheken sowie für Import und Export erreicht. Das kanadische Unternehmen Tweet gilt ebenfalls als zuverlässiger Produzent von erstklassigem Cannabis in gleichbleibender medizinischer Qualität und wird von Spektrum Cannabis importiert und nach Deutschland weiterverkauft.

In nicht allzu ferner Zukunft soll Cannabis zu medizinischen Zwecken auch in Deutschland angebaut werden. Dieser Anbau wird derzeit vom Bundesinstitut für Arzneimittel geplant. Das 2017 verabschiedet Gesetz sieht vor, dass eine sogenannte Cannabisagentur den Anbau von Cannabispflanzen in Deutschland kontrollieren soll.