Das große Geschäft mit Cannabis

Titelbild: Gerd Altmann auf Pixabay

Kalifornien hat Cannabis nach einem jahrzehntelangen Kampf 2019 legalisiert. Das hat zur Folge, dass Joints nicht mehr in schmuddeligen Hinterhöfen gedreht, sondern in dafür ausgelegten Fabrikhallen hergestellt, verpackt und versendet werden. Ein Traumjob für alle Marihuana Fans. Der Verkauf von Marihuana Produkten ist erlaubt und im Shop nebenan gibt es alles zu kaufen, was das Herz begehrt. Der illegale Markt wird also in einen legalen Markt überführt – und der Staat verdient dabei endlich mit.

Cannabis wird zum Business Case

Die Geschichte der Cannabispflanze ist lang. Wie in einem guten Roman ist sie vollgepackt mit Höhepunkten und Tiefschlägen sowie besonders emotionalen Momenten. Die letzten Tiefschläge für Deutschland waren der 10. Dezember 1929 als Cannabis verboten wurde sowie der 1. Januar 1982, ab dem auch der Anbau von Cannabis im Betäubungsmittelgesetz illegal war. Cannabis, besser gesagt Marihuana, zählen von nun an in Deutschland zu den illegalen Betäubungsmitteln. Marihuana ist ein Produkt der weiblichen Hanfpflanze, genauer gesagt handelt es sich um die noch nicht bestäubten Blütenstände dieser. Getrocknet können sie zu verschiedensten Cannabis-Produkten weiterverarbeitet werden. Unter anderem zu Joints. Auch Hanföl und Haschisch können solche Endprodukte sein. Die Verarbeitung von Cannabis ist vielfältig. Ebenso wie das Potential ihrer Inhaltsstoffe, die eine immer größer werdende Beliebtheit genießen. Als medizinisches Produkt hat sich Cannabis bereits etabliert, als Freizeitdroge hat sich die Pflanze in Deutschland jedoch noch nicht durchgesetzt.

Langer Weg hin zur Legalisierung

Die Meinungen über den Einsatz von Cannabis sind zwiegespalten. Viele sehen in der Pflanze eine Bedrohung für die körperliche Gesundheit und das Sozialsystem unserer Gesellschaft. Jedoch gibt es seit Jahrzehnten Verfechter einer gegensätzlichen Meinung. Sie kämpfen für eine Legalisierung von Cannabis und sehen in der Pflanze viel mehr, als den Ruf einer Einstiegsdroge.

Ende der 1950er Jahre begann die Auflehnung der Jugend gegen das Establishment. Die Verschmelzung mit der Bürgerrechtsbewegung und der Protest gegen den Vietnam Krieg im Jahr 1960, führte zu einer Gegenkultur, die weite Teile der amerikanischen Jugend prägte. Marihuana wurde das Symbol dieser Bewegung und der herrschenden Unzufriedenheit. Das Streben nach Freiheit, einem Leben außerhalb der bürgerlichen Zwänge und neuen Bewusstseinsebenen bildeten das Fundament der Bewegung. Als bewusstseinserweiternde Droge wurde häufig zu LSD und auch Marihuana gegriffen. 1971 traf sich regelmäßig um 16:20 eine Jugendgruppe im Golden Gate Park, um nach einer legendären verlassen Marihuana Plantage zu suchen. Bis heute ist der 20.04 der größte Cannabis Feiertag und in diesem Park treffen sich alle Cannabis Fans um gemeinsam um 16:20 einen Joint anzuzünden. Der Höhepunkt der Hippiebewegung war 1976 mit dem Sommer of Love erreicht. Immer mehr Hippies zog es raus aus der Stadt, um im ländlichen Umfeld ein selbstbestimmtes Dasein zu führen. Ein beliebter Zufluchtsort: Humboldt County. Dort wurde Cannabis zum Eigenverzehr angebaut und um die Freunde aus den Städten zu versorgen. Der Beginn der Zucht der ausschließlich weiblichen Pflanze ist ebenfalls auf diesen Ort zurückzuführen. Auch der Traum der 60er wurde auf diesem Land zur Realität. All das war nur möglich, weil Marihuana-Anbau zu dieser Zeit illegal war.

1996 hat der Marihuana-Anbau dann aber eine neue Dimension angenommen. Der Konsum wurde erstmals für medizinische Zwecke gestattet. Ungeklärt blieb jedoch, wer zu welchen Mengen und aufgrund von welchen Krankheiten anbauen durfte. Das Tor zu einem unkontrollierten und unkontrollierbaren Schwarzmarkt war geöffnet.

Der Legalisierungsprozess startet in der alten Cannabis Hauptstadt

Das Zentrum der Hippiebewegung stellte San Francisco dar. Sie ist seit Jahrzehnten die unumstrittene Hauptstadt des Cannabis. Noch jetzt stellt sie eine Pilgerstädte für alte Hippies oder diejenigen dar, die diese Bewegung gerne weiterleben wollen. Vor der Legalisierung konnte das Marihuana dort nur auf Rezept gekauft werden. Heute ist es möglich in sogenannten Dispenceries die Produkte legal und ohne Rezept zu erwerben. Die einzige Bedingung: Die Käufer müssen über 21 Jahre alt sein. Der Markt hat sich somit rasant verändert. Von medizinischem Marihuana hin zu einem Genussprodukt für Erwachsene. An diese Veränderung müssen sich auch die Verkaufsläden anpassen. Die Zielgruppe ist eine ganz andere, ebenso die Art des Konsums. Das Sortiment innerhalb der Läden hat sich um eine Vielzahl erweitert.

Die Folgen der Legalisierung

Kalifornien zählt neben Marokko, Mexiko und Afghanistan seit Jahrzehnten zu den weltweit größten Anbaugebieten von Marihuana. Humboldt County gilt als Zentrum des Anbaus und wurde nach dem deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt benannt. Rund 12.500 Farmer sollen dort in den vergangen Jahren Cannabis angebaut haben. Im Zuge der Legalisierung, müssen die Farmer notwendige Lizenzen erwerben, um auf dem Markt als staatlich anerkannter Cannabisproduzent zugelassen zu werden. Der Genehmigungsprozess ist jedoch teuer und nicht für jede Farm zu stemmen. Zudem schmälern sich durch die Legalisierung die Verdienste der Farmer. Aufgrund des Überangebots ist der Preisverfall von Cannabis extrem. Noch vor 4 Jahren kostete 1 Pfund Cannabis auf dem Schwarzmarkt 1.200$. Nach der Legalisierung ist der Preis um bis zu 75% gesunken. Aufgrund der stark wachsenden Konkurrenz ist es dringend notwendig, eine starke Marke aufzubauen, um dem Verdrängungswettbewerb standhalten zu können. Für viele eine unüberwindbare Herausforderung. Eine Blüte ergibt im getrockneten Zustand etwa 1-2 Gramm und reicht aus, um einen Joint damit zu befüllen. Dieser lässt sich für 10$ bis 30$ weiterverkaufen. Durch Abgaben und Steuern sinkt der Gewinn für die Verkäufer weiter.

Strenge Auflagen für Cannabis-Unternehmen

Die Fabrikhallen sind mit Kameras ausgestattet. Verschiedene Regulierungsebenen geben die Richtlinien vor. Die niedrigste Ebene ist die Stadtregierung. Die zuständige Überwachungsbehörde ist somit nicht mehr das Drogendezernat sondern das Bauamt des Landkreises. Arcata gilt als Innovationszone für Cannabis Unternehmen aus den verschiedensten Branchen: Transport, Verarbeitung, Vertrieb, Extraktion, Testverfahren oder Produktentwicklung. Bereits existierenden Farmen wurde dadurch die Möglichkeit eingeräumt, eine Übergangslizenz zu beantragen, um anschließend eine staatliche Lizenz zu erhalten, um in den Markt einzusteigen. Um eine solche Lizenz zu erhalten und vom Staat dadurch als legaler Cannabis Anbauer anerkannt zu werden, müssen die Farmen mehrere Schritte durchlaufen. Unter anderem muss gewährleistet werden, dass die Produkte zu der jeweiligen Pflanze beziehungsweise Farm zurückverfolgt werden können. Durch das sogenannte Cannabis Track-and-Trace System wird jeder 10 cm hohe Setzling mit einem Etikett versehen. In Form von maschinenlesbaren Barcodes werden alle wichtigen Daten festgehalten. Dazu zählt die Sorte, das Gewächshaus, die Farm und deren Besitzer sowie das Datum der Aussaat. Diese Informationen werden nach der Ernte der Pflanze zusammen mit dieser an entsprechende Betriebe zur Weiterverarbeitung geliefert. Die Daten werden anschließend auf den Produktverpackungen platziert, damit jeder Joint zu seinem Besitzer zurückverfolgt werden kann. Doch bis es zu einer Weiterverarbeitung kommt, wird der Rohstoff als Teil der Qualitätskontrolle auf Schadstoffe oder Schimmel geprüft. Auch den richtigen Umgang mit Wasser müssen die Farmer nachweisen. Strenge Regularien, die zu Unsicherheiten und Frust führen.

Der Kampf für die Legalisierung ist gewonnen, aber zu welchem Preis?

Zuvor bot der Cannabis-Anbau den Bauern die Möglichkeit, schnell an gutes Geld zu kommen. Ganze Gemeinden wurden durch Cannabis-Geld gebaut. Schulen, Kindergärten und Altenheime konnten mit Hilfe des Geldes errichtet werden. Jahrzehntelang haben die Hippies für die Legalisierung gekämpft. Nun ist es vollbracht und eben diese alten Farmen sind nun diejenigen, die darunter leiden. Bereits einige ihrer Betriebe mussten schließen, da sie die teuren und aufwändigen Auflagen nicht erfüllen können. Bis zu 40.000$ mussten einige Farmer bezahlen. Demnach können nur diejenigen in die Zukunft investieren, die das notwendige Kapital aufweisen. Wer zu wenig Geld hat, wird aussortiert. Kontrolliert wird dieser Prozess unter anderem mittels Satellitenfotos. Ist auf den Bildern ein Gewächshaus zu sehen, allerdings keine Lizenz dafür vorhanden, drohen hohe Geldstrafen. Die Folgen der Legalisierung bringen Unruhe in das Leben der Menschen vor Ort, die Auflagen ändern sich ständig. Sie sehen in der Legalisierung einen unzulässigen Eingriff des Staates mit dem einzigen Zweck, mitzumischen im Cannabis Geschäft.

Junge Menschen & Startups begrüßen die Cannabis Legalisierung

Trotz des Preisverfalls und der Unsicherheiten mit Blick auf die Zukunft, begrüßen besonders die jungen Menschen die Legalisierung. Die Arbeitsbedingungen werden besser. Man muss sich nicht mehr in einsamen Hütten verstecken, um heimlich anzubauen. Die junge Generation scheint sich besser an diesen offenen Umgang gewöhnen zu können und lernt die Vorteile zu genießen. Sie waren nicht dabei, als damals die Jagd auf die Marihuana Farmer begann und haben somit keine große Angst, aus ihrem Versteck zu kommen.

In der Legalisierung sehen vor allem junge Startups die Möglichkeit, Marihuana aus der Schmuddel Ecke rauszuziehen und zu einem Lifestyle Produkt zu machen. Die Erschließung neuer Zielgruppen und Märkte ist damit inbegriffen und bietet ein großes Potential – auch für Europa. Obwohl die Legalisierung auf diesem Teil der Erde noch nicht so weit vorangeschritten ist, steigen immer mehr Unternehmer in das Geschäft mit Cannabis ein. Allein in Europa wird mit einem Marktvolumen von 55 Milliarden Euro bis 2028 gerechnet. Auch in der deutschen Startup Szene gibt es seit letztem Jahr einen regelrechten Hanf-Hype. Namhafte Gründer wie beispielsweise Nikita Fahrenholz und Finn Hänsel haben bereits große Summen in die Pharmabranche investiert und erwarten einen Millionenumsatz. Wieso die Unternehmen auch in Deutschland trotz ausbleibender Legalisierung tätig sind, ist auf einen immer beliebter werdenden Inhaltsstoff der Cannabispflanze zurückzuführen – CBD. Dieser Stoff hat keinen psychedelischen Effekt und wirkt somit auch nicht berauschend. Der Verkauf von CBD-Blüten gilt zwar weiterhin als Streitpunkt, dennoch verkaufen die jungen Unternehmen den Wirkstoff in den verschiedensten anderen Formen. Öle, Räucherprodukte oder Kosmetikartikel erleben aktuell auch auf dem deutschen Markt einen enormen Boom. Besonders beliebt sind Cannabisprodukte allerdings für den medizinischen Gebrauch. Seit März 2017 ist es in Deutschland erlaubt, Cannabis zu medizinischen Zwecken zu verschreiben. Der Anbau ist in Deutschland, bis auf streng kontrollierte Ausnahmen für landwirtschaftliche Betriebe, zwar weiterhin untersagt, der Import allerdings nicht. Das von Serial Entrepreneur Sebastian Diemer gegründete Start-up Farmako importiert Cannabis nach Deutschland und verkauft dieses zu medizinischen Zwecken an Apotheken und Ärzte. Ein weiteres Startup zeigt sich im Bereich Tiernahrung innovativ und bietet Hundeleckerlies mit CBD an. Das Start-up Nacani will die positiven medizinischen Eigenschaften von CBD auch für Hunde zugänglich machen. Neben CBD-Ölen werden also auch die Gaumen des treuen Begleiters des Menschen durch Hundeleckerlies mit CBD verwöhnt. Zudem soll sich der Wirkstoff beruhigend auf gestresste Hunde auswirken.

Spielregeln für Cannabis-Startups

Gründer, die mit medizinischem Cannabis handeln wollen, müssen allerdings einige Spielregeln beachten. Marcus Ewald hat als Krisenmanager das Kölner Unternehmen Cannamedical beraten, war Mitgründer von Farmako und wechselte anschließend als Beiratsvorsitzender zur Sanity Group. Er hat bereits einen großen Erfahrungsschatz auf diesem Gebiet gesammelt und gibt zukünftigen Gründern und Gründerinnen wertvolle Hinweise. Beispielsweise sollte beachtet werden, dass es zwar keine Höchstmenge für den Handel mit medizinischen Cannabisprodukten in Deutschland gibt, die Nachfrage auf Kundenseite allerdings wesentlich größer ist, als das zur Verfügung stehende Angebot. Außerdem bedarf es einer eigenen Cannabisagentur, um mit Hanfprodukten internationalen Handel treiben zu können. Den Rohstoff können deutsche Unternehmen beispielsweise von dem niederländischen Office of Medicinal Cannabis (OMC) beziehen. Dieses teilt die Hanfblüten gerecht auf alle Händler auf. Laut der niederländischen Behörde waren das im Juli und August letzten Jahres etwa zehn Kilo Cannabis pro Firma. Dadurch wird die Skalierung der jungen Unternehmen erschwert. Die Menge von importiertem Cannabis aus den Niederlanden wird sich in naher Zukunft nämlich nahezu gar nicht erhöhen. Will man Hanfblüten aus anderen Ländern importieren, benötigt man zuerst eine Einfuhrerlaubnis. Einen fixen Preis für den Verkauf von Cannabis gibt es nicht. Für ein Kilogramm soll es im Verkauf etwa 10.000 Euro geben. Doch um überhaupt mit dem Handel starten zu können, benötigen Startups eine Großhandelserlaubnis und eine GMP-Zertifizierung nach EU-Recht. Um auf dem Markt zu wachsen, lohnt es sich, neue Partner zu finden oder in die Forschung zu investieren, um eigene medizinische Produkte zu entwickeln. Dazu bieten sich besonders CBD Produkte an, da diese absolut im Trend liegen. Während des Aufbaus eines solchen Unternehmens sollte man jedoch immer im Hinterkopf behalten, dass die notwendigen Genehmigungen mehrere Monate dauern und mit jedem verstrichenen Monat steigt die Anzahl der Wettbewerber wodurch gleichzeitig die Handelsmenge pro Unternehmen sinkt.

Gemischte Gefühle in Bezug auf die Legalisierung

Viele zweifeln an einer flächendeckenden Umsetzung der Legalisierung und daran, dass der Schwarzmarkt vollkommen erstickt werden kann. Doch der Optimismus bleibt, zumindest bei den meisten. Die traditionellen Farmer hoffen, dass mit Cannabis weiterhin nachhaltig gewirtschaftet wird, ohne die Natur auszubeuten. Ebenfalls besteht der Wunsch, dass die Einzigartigkeit der kleinen Betriebe erhalten bleibt. Sorten wurden teilweise über viele Generationen hinweg gezüchtet. Auch das Wissen und die Erfahrungen wurde über viele Generationen weitergegeben. Die Expertise der Menschen in Humboldt County ist unschlagbar, was zugleich ihren Wettbewerbsvorteil darstellt. Allerdings wächst der Markt rasant und somit auch die Konkurrenz.

Fakt ist jedoch: Die voranschreitende Legalisierung von Marihuana ist ein Milliardengeschäft (auch in Deutschland) und gleichzeitig das Ende der Hippie Kultur.