Cannabis als alternative Behandlungsmöglichkeit bei chronischen Schmerzen

Titelbild: NickyPe auf Pixabay

Wie jedes Jahr findet auch in diesem am ersten Dienstag im Juni der “Aktionstag gegen den Schmerz” statt. Initiator ist die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V., die größte wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft im Bereich Schmerz in Europa. Es ist bereits der 10. Aktionstag, den die Gesellschaft ausrichtet. Im Fokus steht wie immer die Aufklärung über verschiedene Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten von chronischen Schmerzen. Schmerzpatient:innen sind dazu eingeladen, sich bei schmerztherapeutischen Einrichtungen gezielt über Behandlungsmöglichkeiten informieren und beraten zu lassen. Betrachtet man die 23 Millionen Menschen in Deutschland, die unter chronischen Schmerzen leiden, hat der Aktionstag eine hohe Relevanz. Chronische Schmerzen treten häufig in Kombination mit Migräne, Gelenkerkrankungen und Rheuma auf. Bei sechs Millionen Deutschen sind die Schmerzen so groß, dass sie dadurch in ihrem Alltag beeinträchtigt sind. Davon leiden 2,2 Millionen so sehr, dass sie In Folge der Dauerschmerzen mit psychischen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben. Die Zahl der Betroffenen ist durch die Pandemie weiter gestiegen. Menschen aller Altersgruppen leiden aufgrund des monatelangen Bewegungsmangels und der psychischen Herausforderung durch Social Distancing vermehrt unter langanhaltenden Schmerzen. Dazu kommen hunderttausende Long-COVID-Patient:innen, die insbesondere von Kopf- und Muskelschmerzen betroffen sind. Eine Prognose für die Betroffenen ist nach wie vor ungewiss. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. fordert von der Gesundheitspolitik konkrete Schritte zur Stärkung der schmerztherapeutischen Versorgung in Deutschland. Es können nämlich derzeit nur rund 350.000 Patient:innen mit schweren chronischen Schmerzen von ambulant tätigen Schmerztherapeut:innen in einem Quartal versorgt werden. Dabei geht man davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa fünf bis acht Millionen Patient:innen an behandlungsbedürftigen chronischen Schmerzen erkrankt sind. Davon benötigen wiederum bis zu 20 Prozent eine spezielle qualifizierte Schmerztherapie. Damit all diese Menschen versorgt werden können, herrscht ein Bedarf an entsprechenden Versorgungsstrukturen mit ausreichender Qualitätskontrolle. Darauf aufmerksam zu machen und geeignete Verbesserungsmaßnahmen endlich zu ergreifen, ist Ziel des diesjährigen „Aktionstag gegen den Schmerz“. 

Um einen Beitrag in Bezug auf die Aufklärung zu verschiedenen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten bei chronischen Schmerzen zu leisten, soll in diesem Artikel unter anderem auf die unterschiedlichen Arten und Ursachen von chronischem Schmerz eingegangen werde sowie das darauf bezogene mögliche Wirkungsspektrum der schmerzlindernden Pflanze Cannabis Sativa L..

Wenn Schmerzen chronisch werden

Zahnweh, Muskelverspannungen, Prellungen, Kopfschmerzen, Schnittverletzungen oder Sonnenbrand – wer kann sich nicht in mindestens einer der genannten Schmerzsituationen wiederfinden? Auf Schmerzen könnten die meisten verzichten, dabei sind sie sogar lebensnotwendig. Schmerzen weisen uns darauf hin, dass irgendwo im Körper etwas nicht stimmt und zeigen, wenn Reizungen, Wunden oder Entzündungen entstanden sind. Fasst man beispielsweise auf eine heiße Herdplatte, lässt der sofortige Schmerz die Hand sofort zurückziehen, ohne dass wir lange überlegen müssen. Größere Verbrennungen können dadurch verhindert werden. Schmerzen sind deswegen keine Gegner sondern vielmehr als achtsame Helfer zu verstehen, die den Körper schützen möchten und zu einer ungestörten Heilung beitragen. Diese Form von Schmerz nennt sich akuter Schmerz. In der Regel dauert dieser nur wenige Tage bis Wochen an, höchstens aber drei Monate. Innerhalb diesen Zeitraums gelingt es dem Körper, die meisten Gewebeverletzungen zu reparieren. Ist die auslösende Ursache beseitigt, verschwinden in der Regel also auch die Schmerzen. 

Doch was, wenn die Schmerzen über einen längeren Zeitraum bleiben und vielleicht sogar gar nicht mehr wegzudenken sind? In solchen Fällen spricht man von chronischen Schmerzen. Der Unterschied zu akuten Schmerzen zeigt sich in der Dauer des Schmerzempfindens. Fachleute definieren chronische Schmerzen als solche, die über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten hinaus bestehen. Das allgemeine Verständnis gegenüber chronischen Schmerzen hat sich inzwischen jedoch so geändert, dass alle Schmerzen als chronisch bezeichnet werden, deren Bestehen über die Ursache hinaus nicht nachvollziehbar sind. Die Schmerzen bestehen weiterhin, obwohl eine logischer Grund dafür ausbleibt. Eine sinnvolle Funktion haben diese Schmerzen somit nicht. Im Gegenteil – die andauernden Schmerzen ziehen weitere Probleme nach sich und für die Betroffenen kann die Situation in vielerlei Hinsicht besonders belastend sein. Die alltäglichsten Dinge können zur reinsten Qual werden. Jede Person, die mindestens einmal von Rückenschmerzen geplagt wurde, weiß wie schwierig es sein kann, den heruntergefallenen Stift wiederaufzuheben. Selbst Schlafen kann zu einer Herausforderung werden, an Arbeit gar nicht erst zu denken. Der chronische Schmerz kann in extremen Fällen das gesamte Leben bestimmen. Denn neben dem offensichtlichen Leid, trifft das Schmerzerleben der Betroffenen möglicherweise auf Unverständnis innerhalb des Angehörigenkreises. Einem wird unterstellt zu simulieren oder dass es so schlimm ja nicht sein könne. Es ist demnach wichtig, dafür zu sensibilisieren, dass bei chronischen Schmerzen häufig keine körperliche Ursache zu finden ist. Doch wie entsteht der andauernde Schmerz dann? 

Welche Ursache haben chronisch Schmerzen?

Man weiß heutzutage, dass es verschiedene Arten von Schmerzen gibt und dass das Gehirn dabei eine wichtige Rolle spielt. Akute Schmerzen entstehen aufgrund einer Verletzung des Gewebes am Körper und werden beispielsweise durch die Reizung von Schmerzrezeptoren ausgelöst. Ist die Verletzung abgeheilt, geht der Schmerz vorüber. Chronische Schmerzen können wiederum aus zwei verschiedenen Gründen auftreten:

  1. Die chronischen Schmerzen sind eine Begleiterscheinung einer chronischen Erkrankungen. Dazu zählt beispielsweise die Gelenkkrankheit Rheuma sowie Durchblutungsstörungen bei Diabetes oder Tumorerkrankungen.
  1. Der Schmerz wird von selbst zu einer Erkrankung. Nicht selten entwickeln sich chronische Schmerzen über einen längeren Zeitraum und werden von Tag zu Tag stärker. Sie breiten sich mit der Zeit im Körper aus und bestehen selbst dann, wenn eine körperliche (somatische) Ursache nicht (mehr) vorliegt und der Schmerz damit seine eigentliche Funktion verloren hat. Chronische Schmerzen können demnach zur Belastung werden, ohne dass es eine ersichtliche Ursache gibt. Dieser Schmerz kann überall dort im Körper auftreten, wo schmerzleitende Nerven vorkommen. Die Schmerzforschung geht davon aus, dass der Nervenschmerz in der Regel durch eine Verletzung oder Störung des Nervensystems verursacht wird. Dieses ist dann empfindlicher geworden, wodurch selbst leichte Reize wie zarte Berührungen, mäßige Hitze oder Druck plötzlich als starker Schmerz wahrgenommen werden. Ein Grund für das Fortbestehen der chronischen Schmerzen kann häufig auch das vergebliche Suchen nach einer handfesten Ursache sein. Dabei werden sogar nicht selten falsche Annahmen getroffen, die nicht nur Ängste sondern auch Behandlungsmöglichkeiten nach sich ziehen, die nicht notwendig gewesen wären. So zum Beispiel fälschlich durchgeführte Operationen ohne Resultate. Chronische Rückenschmerzen sind beispielsweise häufig bedingt durch normale altersbedingte Veränderungen an der Wirbelsäule. In Folge der vielen Untersuchungen und der damit ausbleibenden Behandlung, bestehen die Schmerzen über einen längeren Zeitraum. Der Forschungsstand besagt jedoch, dass länger anhaltende Schmerzen im Nervensystem „Schmerzspuren“ hinterlassen, die die Nervenzellen immer empfindlicher machen. Der Fachbegriff „Nervengedächtnis“ wird in diesem Zusammenhang häufig genannt. So kann sich aus einem akuten Schmerz ein chronischer entwickeln. Es entsteht ein Kreislauf, der nur schwer zu durchbrechen ist. Nicht nur die Nervenzellen der Gewebe des Körpers (z.B. innere Organe, Gelenke, Muskel) werden durch die Sensibilisierung beeinträchtigt, sondern auch das Rückenmark und Gehirn. Darüber hinaus sind es zusätzliche Faktoren wie Stress, die die Entstehung chronischer Schmerzen provozieren. Innerhalb von Studien fand man nämlich heraus, dass Nervenfasern unter Einfluss von langanhaltendem Stress umgebaut werden können. Solche, die eigentlich für die Sinneswahrnehmung zuständig sind, wurden plötzlich auch für die Weiterleitung von Schmerzsignalen genutzt. Schmerzen wurden dadurch eher oder stärker wahrgenommen. 

Wieso bei manchen Menschen mit vergleichbarem Krankheitsbild akute Schmerzen chronisch werden und bei manchen nicht, wird noch erforscht. Man bezieht für die Erklärung bisher drei Faktoren ein. Einmal die genetische Veranlagung, die Studien zufolge durchaus eine Rolle spielt. Dazu kommen aber auch psychische Faktoren. Liegen entsprechende Vorerkrankungen vor wie zum Beispiel eine Depression oder Burn Out, steigt das Risiko der Betroffenen, an chronischen Schmerzen zu erkranken. Ebenso bei Menschen, die dazu neigen, von starker Angst und Sorge gequält zu sein. Doch auch soziale Faktoren wie Konflikte innerhalb der Familie, Stress auf der Arbeit oder soziale Ausgrenzungen können die Entstehung von chronischen Schmerzen fördern. 

Kopf- und Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten Formen chronischer Schmerzen

Chronische Kopf- und Rückenschmerzen sind von hoher Public-Health-Relevanz. Knapp 70 Prozent der Frauen und über 50 Prozent der Männer sollen im Verlauf eines Jahres unter Kopfschmerzen leiden. Von Rückenschmerzen sollen 62 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer im Laufe eines Jahres betroffen sein. Kopfschmerzen lassen sich in primäre und sekundäre unterteilen. Primäre Kopfschmerzen stellen ein chronisches Leiden dar, dem keine organische Erkrankung zugrunde liegt. Sekundäre Kopfschmerzen wiederum sind die Symptome von organischen Störungen. Schmerzen nach Verletzungen, durch Gefäßerkrankungen oder andere Krankheiten zählen deswegen zu dieser Form von Kopfschmerzen. Zu den primären Kopfschmerzen zählen beispielsweise Migräne sowie Spannungs- und Clusterkopfschmerzen. Der Spannungskopfschmerz ist die häufigste Form wiederholt auftretender Kopfschmerzen. Der Schmerz tritt in der Regel beidseitig und dumpf-drückend auf. Bei der Migräne handelt es sich um eine komplexe Funktionsstörung des Gehirns. Dieses reagiert bei den Betroffenen auf innere und äußere Reize besonders empfindlich. In beiden Fällen kann eine Selbstmedikation mit Analgetika zu einer Chronifizierung führen. Vielmehr empfehlen Mediziner:innen eine ganzheitliche Therapie unter Einbezug von Entspannung und Sport. Gleiches gilt für Rückenschmerzen. In den seltensten Fällen (15 Prozent) muss lediglich die Ursachen von Rückenschmerzen behandelt werden. 

Die Behandlung von chronischen Schmerzen

Zunächst muss natürlich geklärt werden, um welche Form von Schmerz es sich handelt. Akute und chronische Schmerzen müssen unterschiedlich behandelt werden. Ebenso Nerven- und Körperschmerzen. Da es sich bei chronischen Schmerzen um eine bio-psycho-soziale Erkrankung handelt, sind Behandlungen, die nur die körperlichen Symptomen berücksichtigen, nicht ausreichend. Die Behandlung mittels Schmerzmedikamenten wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Paracetamol ist demnach nur bei akuten Schmerzen sinnvoll. Im Fall von chronischen Schmerzen trägt die Medikation häufig auch gar nicht erst zur Linderung bei. Außerdem ist die Einnahme von Schmerzmitteln mit verschiedenen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Dies gilt auch für rezeptfrei erhältliche Schmerzmittel. Dennoch ist es wichtig, mit seinen über einen längere Zeitraum auftretenden Schmerzen bei einem Arzt rechtzeitig vorstellig zu werden. Im Gespräch ist es wichtig, ganz genau zu beschreiben, wo man die Schmerzen spürt und wie sich diese anfühlen. Ob es eher kribbelt oder brennt und seit wann diese zu spüren sind. Sofern der Hausarzt keine Diagnose stellen kann, wird man in der Regel an einen Schmerzspezialisten überwiesen. Es ist nun wichtig abzuklären, ob die Ursache für die chronischen Schmerzen einer Erkrankung oder organischen Störung zugrunde liegt oder nicht. Bis dahin ist es wichtig einen Weg zu finden, mit dem Schmerz umzugehen, um so bestmöglich den Alltag bestreiten zu können. Eine Hilfe dafür kann sein, ein Schmerztagebuch zu führen und genau aufzuschreiben, wann der Schmerz auftrat und was man zu diesem Zeitpunkt getan hat. Diese Methode kann die Schmerzen zwar nicht direkt beseitigen, aber dennoch bei manchen Menschen zu einer Linderung führen. Zu einer ganzheitlichen Behandlung von chronischen Schmerzen zählt außerdem viel Bewegung, Entspannung und Methoden zur Schmerzbewältigung aus der kognitiven Verhaltenstherapie. Letzteres ist ein psychotherapeutisches Verfahren, bei dem es vor allem um die konkrete Lösung von Problemen geht. Alle drei Komponenten zu einer sogenannten multimodalen Schmerztherapie zusammenzuführen, ist in der Regel sehr sinnvoll, wird jedoch selten tatsächlich so durchgeführt. Obwohl man bereits erkannt hat, dass chronische Schmerzen auch durch psycho-soziale Faktoren begünstigt werden, ergab eine Befragung von 900 Patient:innen mit chronischen Schmerzen von Facharztpraxen, dass lediglich fünf Prozent der Betroffenen eine Psychotherapie erhalten hatten und weniger als ein Prozent in eine Schmerzklinik überwiesen worden waren. Vielmehr gehen die Patient:innen mit chronischen Schmerzen den langen Weg einer erfolglosen Behandlung nach der nächsten, bis sie dann nach mehreren Jahren und etlichen Schmerzmedikationen ihren Weg in eine Schmerzambulanz oder -praxis finden. Auch wenn die Gabe von Medikamenten, die die Wirkung der Botenstoffen an den Nervenzellen (Neurotransmittern) beeinflussen, manchmal sinnvoll sein kann, so ist die Aufklärung darüber, den Körper in Bewegung zu halten und gleichzeitig für ausreichend Entspannung zu sorgen, mindestens genauso wichtig. Gerade bei Schmerzen im Bewegungsapparat neigt man dazu, in eine Schonhaltung überzugehen, was früher übrigens auch geraten wurde. Heute rät man eher dazu, aktiver zu werden und sich regelmäßig zu bewegen. Dadurch werden nämlich körpereigene Stoffe freigesetzt, die von ganz alleine eine schmerzlindernde Wirkung auf den Körper ausüben – völlig frei von Nebenwirkungen. Darüber hinaus regen sportliche Aktivitäten die Durchblutung sowie den Stoffwechsel an. Knochen und Knorpel werden somit ausreichend mit Nährstoffen versorgt und der Körper wird belastbarer. Die Beweglichkeit als auch der Gleichgewichtssinn werden gestärkt. Dies schützt wiederum vor Stürzen und anderen Verletzungsmöglichkeiten. 

Welches Training den Betroffenen in ihrer individuellen Situation letztendlich gut tut, kann man durch Ausprobieren selbst herausfinden oder im Rahmen einer Bewegungstherapie testen. Letzteres hat zum Ziel, die Schmerzschwelle allmählich wieder anzuheben. Für Patient:innen mit rheumatoide Arthritis, Fibromyalgie oder chronische Rückenschmerzen gibt es spezielle Angebote. Organisiert werden diese oft über Selbsthilfegruppen, wobei auch behandelnde Ärzt:innen ein sogenanntes Funktionstraining verordnen können. Nicht zuletzt ist Sport dafür bekannt, zu einer Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens beizutragen. Sowohl Körper als auch unsere Psyche profitieren also, wenn wir uns regelmäßig bewegen. Und da ein positives Mindset und schöne Erlebnisse nicht zuletzt zu einem geringeren Schmerzempfinden beitragen, kann Sport aus vielerlei Hinsicht sinnvoll sein. Die Erkenntnis, dass der gespürte Schmerz dadurch reguliert werden kann, welche Bedeutung das Gehirn ihm gibt, ist für Menschen mit chronischen Schmerzen von großer Relevanz. Die Schmerzforschung kommt beispielsweise zu der Erkenntnis, dass allein die Angst vor dem Schmerz diesen auslösen kann. Und das obwohl der Körper keiner echten Gefahr ausgesetzt ist und Gewebe als auch Organe gesund sind. Wieso das so ist hängt wohl wieder mit der ursprünglichen Funktion von Schmerzen zusammen: Den Körper vor Gefahren zu warnen und zu schützen. Geht das Gehirn also davon aus, dass Gefahr droht, reagiert es mit Schmerzsignalen. Unabhängig davon, ob die Gefahr real ist. Die Betroffenen bilden sich diesen Schmerz aber keineswegs ein. Er ist real und spürbar.

Aufgrund all dieser Erkenntnisse aus der Schmerzforschung ist eine ganzheitliche Therapie unter Einbezug psycho-sozialer Faktoren unumgänglich, um chronische Schmerzen langfristig zu verringern oder sogar gänzlich zu verhindern. 

Der Einsatz von Cannabis bei chronischen Schmerzen

Teil einer ganzheitlichen Therapie bei chronischen Schmerzen kann auch Cannabis sein. Seit den 90er Jahren steht medizinisches Cannabis vermehrt im Fokus der klinischen und experimentellen Forschung, da es effektiv und schonend Schmerzen lindern soll. Die Pflanze enthält nämlich über 100 Inhaltsstoffe, welche zum Teil bereits große Erfolge bei der Schmerztherapie erzielen konnten. Aus diesem Grund dürfen Cannabispräparate seit 2017 durch Ärzt:innen und zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verschrieben werden. Ein großer Schritt, insbesondere für die Patient:innen. Cannabisbasierte Medikamente gelten derzeit insbesondere bei chronische Nervenschmerzen (neuropathische Schmerzen) als hilfreiche pflanzliche Alternative zur herkömmlichen Medikation. Eine positive Wirkung bei Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Schmerzen aufgrund von rheumatoider Arthritis konnte innerhalb von Studien jedoch nicht eindeutig bewiesen werden. Ebenso wenig eine deutliche Schmerzreduktion um mindestens 50 Prozent. Dennoch sollen Berichten zufolge die Schmerzen dank einer Behandlung mit Cannabispräparaten von den Betroffenen vermindert wahrgenommen werden. Rüdiger Klos-Neumann ist einer von vielen, die unter Clusterkopfschmerzen leiden und in medizinischem Cannabis einen wahren Lebensretter gefunden haben. Im Interview mit Tom Wellbrock gibt Klos-Neumann einen Einblick in das Leben mit Clusterkopfschmerzen und die daraus resultierende Beeinträchtigung sowie die erfolgreiche Behandlung mit medizinischem Cannabis. 

Die Wirkung von Cannabispräparaten bei chronischen Schmerzen wird den enthaltenen Cannabinoiden zugeschrieben. Die zwei bekanntesten ihrer Art sind wohl THC und CBD. Dass in THC mehr Potential steckt, als manch einer vermuten würde, ist schon seit einigen Jahren bekannt. Dem pflanzlichen Wirkstoff wird eine antiphlogistische, analgetische, anxiolytische, antiemetische, muskelrelaxierende, sedierende und appetitanregende Wirkung zugeschrieben. Dass THC so vielseitige Wirkungsmöglichkeiten hat, liegt an der Struktur und Funktionsweise von Cannabinoiden zugrunde. Diese chemischen Botenstoffe sind an zahlreichen lebensnotwendigen Körperfunktionen beteiligt, welche durch das Endocannabinoid-System gesteuert werden. Die Cannabinoide können durch den Körper selbst produziert oder eben extern zugeführt werden. CBD ist ebenfalls ein Cannabinoid, welches in der Cannabispflanze vorkommt und den Körper positiv beeinflussen kann. Ihm werden entzündungshemmende als auch schmerzlindernde Eigenschaften nachgesagt. Dazu kommt, dass von CBD kein Abhängigkeitsrisiko ausgeht und auch keine psychoaktiven Effekte auftreten können. Im Gegenteil – das CBD in medizinischen Cannabispräparaten hemmt sogar die psychoaktive Wirkung von THC. Deswegen sollte der CBD Anteil in medizinischem Cannabis auch möglichst hoch sein. Um Schmerzen lokal zu bekämpfen (z.B. Rückenschmerzen) sind inzwischen auch freiverkäufliche CBD Produkte auf dem Markt, die genau darauf ausgelegt sind. So zum Beispiel Salben und Gels, die zu einer Entspannung von Muskulatur und Gelenken verhelfen sollen. Die Auswahl an Cannabis- und auch CBD Produkten ist inzwischen sehr vielfältig. Je nachdem um welche Schmerzen es sich handelt, kann man mit dem behandelnden Arzt über geeignete Möglichkeiten sprechen. Ein essenzieller Unterschied zwischen Cannabis- und CBD Produkten ist allerdings die freie Verfügbarkeit. 

Verschreibungspflicht: Ja oder nein?

Cannabispräparate waren erst ganz ohne Einschränkungen frei zugänglich, dann verboten und stehen nun seit wenigen Jahren ausgewählten Patient:innen wieder zur Verfügung. Wer mit Cannabispräparaten behandelt werden kann, entscheidet demnach der oder die behandelnde Arzt oder Ärztin im Einzelfall. Cannabis darf – wenn überhaupt – nur bei schwerwiegenden körperlichen Erkrankungen gegeben werden, bei welchen sich eine Behandlung mit anderen Medikamenten als wirkungslos herausgestellt hat. Eine körperliche Krankheit wird dann als schwerwiegend eingestuft, wenn diese lebensbedrohlich ist oder eine solche Gesundheitsstörung verursacht, durch welche die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig beeinträchtigt wird. Treffen diese Kriterien zu, dürfen Cannabispräparate ganz legal eingesetzt werden – sofern sie den Betroffenen von den behandelnden Ärzt:innen verschrieben werden. Diese müssen übrigens auch eine besondere Begründung an die Krankenkasse übermitteln, damit dem Antrag auf Kostenübernahme stattgegeben wird. Zusätzlich müssen die Patient:innen sich dazu bereiterklären, an einer Begleitforschung teilzunehmen.

Eine Ausnahmen in Bezug auf die Verschreibungspflicht von Cannabisprodukten gibt es jedoch. Solche Produkte, die lediglich einen THC-Anteil von bis zu 0,2 Prozent aufweisen, werden in Deutschland als Lebensmittel eingestuft und sind somit auch ohne Rezept für Schmerzpatienten frei zugänglich. 

Risiken und Nebenwirkungen von Cannabispräparate

Die Risiken und Nebenwirkungen von Cannabispräparaten sind im Vergleich zu herkömmlichen Schmerzmitteln vergleichsweise gering. Dennoch kann es unter einer Therapie mit Cannabinoiden zu Begleiterscheinungen kommen, die nicht erwünscht sind. Dazu zählen möglicherweise:

  • Übelkeit
  • Müdigkeit
  • Benommenheit
  • Schwindel
  • Mundtrockenheit
  • Störungen der Aufmerksamkeit
  • der Wahrnehmung und des Denkens 
  • Stimmungsschwankungen

Je nachdem welche Cannabispräparate eingenommen werden, können noch weitere Nebenwirkungen dazukommen. So unter anderem die Beeinflussung der Gedächtnisfunktion sowie eine mögliche Suchtentwicklung. Deswegen ist von einer Behandlung mit Cannabis abzusehen, wenn Psychosen oder Suchterkrankungen bei den Betroffenen als Vorerkrankungen bekannt sind. Grund dafür ist das in den Präparaten enthaltene Cannabinoid THC. Es weist sowohl eine psychoaktive Wirkung als auch ein gewissen Abhängigkeitspotential auf. Im Gegensatz zu anderen Opiaten, welche in der Schmerzmedizin angewandt werden, fallen Suchtpotenzial und Gesamttoxizität im Fall von Cannabis jedoch sehr gering aus. 

Fazit

Cannabis- und CBD-Präparate können durchaus eine hilfreiche Stütze bei chronischen Schmerzen sein und bieten sich als pflanzliche Alternative zu herkömmlichen Lösungen an. Chemische Schmerzmittel sind nämlich aufgrund ihrer Nebenwirkungen keine Dauerlösung und greifen zudem die inneren Organe an. Im Gegensatz dazu fallen die Nebenwirkungen von Cannabisprodukten vergleichsweise gering aus. Doch auch Cannabis ist nicht das Allheilmittel, was man es sich so manchmal vielleicht wünscht. Eine totale Schmerzbeseitigung mittels Cannabispräparaten zu erzielen, ist nicht nur unrealistisch sondern auch nicht Intention der Behandlung. Vielmehr wird Cannabis als ein Baustein im Gesamtgefüge der Behandlung chronischer Schmerzerkrankungen gesehen. Das gemeinschaftliche Ziel sollte sein, die Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu erhöhen. Dazu muss der Schmerz aus dem Wahrnehmungszentrum gedrängt werden und dieses mit anderen – positiven – Lebensinhalten besetzt werden. Welche Behandlungsmöglichkeiten es zur Erreichung dieser Ziele für chronische Schmerzpatienten gibt, ist unter anderem Thema des bereits in der Einleitung genannten „Aktionstages gegen den Schmerz“. Schmerzpatient:innen werden dazu eingeladen ihre Fragen am 1. Juni 2021 mehreren Dutzend renommierten Schmerzexpert:innen aus ganz Deutschland zu stellen. Dazu wurde die kostenfreien Rufnummer 0800 – 18 18 120 eingerichtet. Die Telefone sind zwischen 9:00 und 18:00 Uhr besetzt.